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Warum Training Welpen überfordert

  • Autorenbild: Sarina Kriechbaum
    Sarina Kriechbaum
  • 2. Jan.
  • 8 Min. Lesezeit

Welpen natürlich begleiten – Raum geben statt Kommandos


Kaum zieht ein Welpe ein, beginnt für viele Hundehalter:innen ein Wettlauf gegen die Zeit. Was muss er jetzt schon können? Wann sollte er was lernen? Sitz, Platz, Rückruf, Leinengehen – möglichst früh, möglichst sauber.

Gut gemeint. Und doch lohnt es sich, innezuhalten.

Denn junge Hunde stehen nicht am Anfang eines Trainingsplans, sondern mitten in einer sensiblen Entwicklungsphase. Ihr Nervensystem reift, ihre Wahrnehmung formt sich, ihr Blick auf die Welt entsteht erst. Was sie in dieser Zeit vor allem brauchen, ist nicht Funktionieren – sondern Raum und Zeit.

Raum zum Erkunden. Raum zum Beobachten. Raum, um eigene Erfahrungen zu machen.

Dieser Artikel richtet sich an Menschen mit Welpen und Junghunden, die sich fragen, ob es auch anders geht. Ruhiger. Natürlicher. Entwicklungsorientierter.

Er lädt dazu ein, frühes Training neu zu denken – und Nasenarbeit nicht als Übung oder Auslastung zu verstehen, sondern als ruhigen, sicheren Einstieg ins Hundeleben.


Welpe erkundet ein Wasserbecken mit bunten Schalen
Welpen brauchen viel Zeit, um ihre Umwelt in Ruhe zu erkunden.

Entwicklung braucht Freiheit - gerade am Anfang

Welpen kommen nicht als unfertige Hunde in unsere Welt, die möglichst schnell „funktionieren“ müssen. Sie kommen mit einem inneren Bauplan, der über Millionen Jahre entstanden ist – mit Neugier, mit Wahrnehmung, mit dem tiefen Bedürfnis, ihre Umwelt selbstständig zu erkunden. Entwicklung entsteht nicht durch Anleitung, sondern durch Erfahrung.

Gerade in den ersten Lebensmonaten brauchen junge Hunde vor allem eines: Freiheit. Freiheit, sich zu bewegen. Freiheit, zu beobachten. Freiheit, Dinge auszuprobieren – und auch wieder sein zu lassen. Jeder Welpe entwickelt sich in seinem eigenen Tempo, mit eigenen Interessen und eigenen Schwerpunkten. Wenn wir versuchen, diesen Prozess durch frühes Training zu steuern oder zu beschleunigen, greifen wir oft störend ein.

Viele klassische Welpenkurse setzen sehr früh auf Übungen, Kommandos und "richtiges Verhalten". Sitz, Platz, Blickkontakt, Leinenführigkeit – alles möglichst früh, möglichst sauber. Was dabei oft übersehen wird: Ein Welpe, der ständig angeleitet wird, lernt vor allem eines sehr schnell – sich zu orientieren, statt selbst zu denken.

Doch gesunde Entwicklung braucht genau das Gegenteil. Sie braucht Raum für eigene Entscheidungen. Für kleine Fehler. Für Pausen. Für Rückzug. Für Momente, in denen niemand etwas vom Hund will.

Freiheit bedeutet dabei nicht Beliebigkeit oder fehlende Begleitung. Sie bedeutet, dass wir als Menschen Rahmen statt Regeln schaffen. Sicherheit statt Kontrolle. Präsenz statt Daueransprache. Ein Welpe, der sich frei bewegen darf, lernt seinen Körper kennen. Ein Welpe, der beobachten darf, entwickelt soziale Kompetenz. Ein Welpe, der nicht ständig bewertet wird, entwickelt Selbstvertrauen.

Je mehr Freiheit ein junger Hund erlebt, desto stabiler wird sein inneres Fundament. Und dieses Fundament ist viel wichtiger als jedes früh gelernte Kommando.


Welpe in einem Garten
Am besten ist, man lässt Welpen an sicheren Orten frei laufen, sodass sie selbst entscheiden können, was sie entdecken möchten.

Denken lernen statt Gehorchen lernen

Viele Menschen wünschen sich einen Welpen, der aufmerksam ist, gut zuhört, schnell lernt und sich „an ihnen orientiert“. Was dabei meist gemeint ist, ist Gehorsam. Der Hund soll reagieren, wenn wir etwas sagen. Er soll sich anpassen, einfügen, kooperieren. Möglichst früh.

Doch junge Hunde sind keine Lernmaschinen. Sie sind Entdecker. Beobachter. Problemlöser. Und genau diese Fähigkeiten gehen verloren, wenn wir ihnen zu früh beibringen, auf jedes Signal von außen zu warten.

Ein Welpe, der ständig hört, was er tun soll, lernt nicht, selbst Entscheidungen zu treffen. Er lernt, Anweisungen auszuführen. Das wirkt auf den ersten Blick praktisch – langfristig führt es jedoch oft zu Unsicherheit, Abhängigkeit oder innerer Unruhe. Viele Junghunde, die später als „schwierig“ gelten, sind keine Rebellen. Sie sind Hunde, die nie gelernt haben, sich selbst zu regulieren.

Denken zu lernen bedeutet, Situationen einzuschätzen. Reize einzuordnen. Abstand zu wählen. Neugier zuzulassen oder auch Abstand zu nehmen. All das passiert nicht auf Kommando, sondern durch Erfahrung – und durch Beobachtung.

Wenn wir Welpen erlauben, ihre Umwelt wahrzunehmen, statt sie ständig auf uns zu fokussieren, unterstützen wir genau diese Entwicklung. Ein Hund, der schaut, hört, riecht und sich orientiert, lernt, mit der Welt umzugehen. Ein Hund, der dagegen früh lernt, den Blick auf den Menschen zu fixieren, verpasst viele dieser Lernmomente.

Besonders problematisch ist die weit verbreitete Idee, Welpen aktiv beizubringen, den Menschen ständig anzusehen. Was als Aufmerksamkeitstraining verkauft wird, schränkt in Wahrheit die Wahrnehmung ein. Der Hund lernt, die Umwelt auszublenden – dabei braucht er sie, um sicher zu werden.

Denken ist leise. Denken ist langsam. Denken zeigt sich nicht in perfektem Verhalten, sondern in stimmigen Entscheidungen. Wenn wir wollen, dass Hunde uns später im Alltag wirklich folgen – innerlich und nicht nur an der Leine – dann müssen wir ihnen zuerst erlauben, eigenständig zu denken.


Wahrnehmung vor Anleitung - wie Welpen ihre Welt verstehen

Bevor ein Hund lernen kann, sich in unserer Welt zurechtzufinden, muss er sie erst einmal wahrnehmen dürfen. Klingt selbstverständlich – ist es aber oft nicht. Viele Welpen werden von Anfang an durch ihren Alltag geführt: angesprochen, umgelenkt, gelockt, korrigiert. Gut gemeint, aber mit einem entscheidenden Nachteil: Der Hund kommt kaum dazu, selbst zu beobachten.

Für Welpen ist Wahrnehmung die Grundlage jeder Entwicklung. Sie lernen nicht durch Erklärungen, sondern durch das, was sie sehen, hören, riechen und fühlen. Ihre Sinne sind ihr Werkzeug, um Sicherheit aufzubauen und Zusammenhänge zu verstehen. Besonders der Sehsinn spielt dabei eine zentrale Rolle: Welpen beobachten Bewegungen, Distanzen, Körpersprache, Abläufe. So lernen sie, was relevant ist – und was nicht.

Wenn wir Welpen früh beibringen, den Blick ständig auf uns zu richten, nehmen wir ihnen genau diese Möglichkeit. Ein Hund, der gelernt hat, bei Unsicherheit oder Reizen sofort den Menschen anzuschauen, sammelt keine eigenen Erfahrungen mehr. Er delegiert die Einschätzung der Situation. Kurzfristig wirkt das kontrollierbar – langfristig fehlt dem Hund die innere Orientierung.

Wahrnehmung bedeutet auch, Zeit zu haben. Zeit, stehen zu bleiben. Zeit, zu schauen. Zeit, sich langsam zu bewegen. Viele Welpen zeigen von sich aus, dass sie genau das brauchen. Sie bleiben stehen, setzen sich, beobachten andere Hunde oder Menschen aus der Distanz. Nicht, weil sie stur sind, sondern weil sie Informationen sammeln.

Ein junger Hund, der wahrnehmen darf, lernt, mit Reizen umzugehen, ohne überfordert zu sein. Er lernt, Unterschiede zu erkennen und sich selbst zu regulieren. All das passiert still und unspektakulär – und genau deshalb wird es oft übersehen.

Unsere Aufgabe als Begleiter:innen ist es nicht, diese Prozesse zu beschleunigen, sondern sie zu schützen. Weniger Eingreifen. Weniger Erklären. Mehr Vertrauen darauf, dass Welpen sehr genau wissen, was sie gerade brauchen, um ihre Welt zu verstehen.


Die Rolle des Menschen: präsent sein statt animieren

Viele Menschen glauben, sie müssten für ihren Welpen ständig etwas tun. Beschäftigen, erklären, anleiten, motivieren. Stille wird schnell als Leerlauf empfunden, Nichtstun als Nachlässigkeit. Dabei ist genau das Gegenteil oft der Fall.

Für junge Hunde ist es enorm wertvoll, Menschen zu erleben, die präsent sind, ohne ständig zu handeln. Präsenz bedeutet: da sein, aufmerksam beobachten, Sicherheit ausstrahlen – ohne den Hund fortwährend zu bespielen oder zu korrigieren. Ein Welpe, der einen ruhigen, klaren Menschen an seiner Seite hat, kann sich orientieren, ohne gelenkt zu werden.

Animation hingegen erzeugt oft Unruhe. Ständiges Ansprechen, Locken, Spielen, Füttern. Üben hält den Hund in einem dauerhaften Aktivitätsmodus. Viele Welpen wirken dann zwar „fröhlich“ oder „engagiert“, sind innerlich aber angespannt. Sie kommen kaum zur Ruhe, weil immer etwas von ihnen erwartet wird.

Präsenz heißt auch, Verantwortung zu übernehmen, ohne sie dem Hund abzunehmen. Der Mensch sorgt für einen sicheren Rahmen: Er entscheidet, welche Situationen angemessen sind, wann Abstand nötig ist und wann Nähe möglich ist. Innerhalb dieses Rahmens darf der Welpe eigene Erfahrungen machen.

Ein präsenter Mensch muss seinen Hund nicht ständig rufen oder beschäftigen. Er bewegt sich klar, ruhig und vorhersehbar. Er geht, bleibt stehen, wartet. Und der Hund folgt – nicht aus Gehorsam, sondern weil es Sinn ergibt.

Diese Art von Begleitung schafft Vertrauen. Nicht das Vertrauen, das auf Belohnung basiert, sondern das tiefe, stille Vertrauen, dass der Mensch Situationen einschätzen kann. Für Welpen und Junghunde ist das eine der wichtigsten Grundlagen für eine stabile Beziehung.

Je weniger wir versuchen, unseren Hund zu unterhalten oder zu formen, desto mehr Raum geben wir ihm, sich selbst zu entwickeln – und uns wirklich wahrzunehmen.


Spaziergänge neu gedacht: Warum Welpen kein "Gassigehen" brauchen

Für viele Menschen gehört es ganz selbstverständlich dazu: Ein Hund zieht ein – also geht man spazieren. Mehrmals täglich, möglichst abwechslungsreich, möglichst lange. Was für erwachsene Hunde oft sinnvoll ist, kann für Welpen jedoch schnell zu viel sein.

Welpen brauchen keine klassischen Spaziergänge. Sie brauchen Zeit und Raum, um ihre Umwelt zu erkunden. Und Erkunden funktioniert nicht im Vorwärtsmarsch.

Ein Spaziergang bedeutet Bewegung von A nach B. Tempo, Richtung und Dauer werden meist vom Menschen vorgegeben. Für einen Welpen ist das eine enorme Reizflut: neue Gerüche, Geräusche, Untergründe, Menschen, Fahrzeuge, Hunde – alles zieht vorbei, ohne dass er die Möglichkeit hat, stehen zu bleiben und Informationen zu verarbeiten.

Viel sinnvoller – und für Welpen deutlich stressfreier – ist ein statischer Ansatz. An einem sicheren Ort stehen oder sitzen bleiben. Den Welpen an einer langen Leine oder, wenn es die Umgebung erlaubt, ganz ohne Leine selbst entscheiden lassen, wohin er schaut, was er untersucht, wie nah er sich etwas nähert oder wann er Abstand braucht.

In diesen Momenten passiert echte Entwicklung. Der Welpe beobachtet. Er schnuppert. Er sortiert Eindrücke. Er lernt, ohne getrieben zu werden. Was von außen unspektakulär wirkt, ist für den Hund hochkomplexe innere Arbeit.

Natürlich setzt diese Art von Begleitung voraus, dass wir die Umgebung bewusst wählen. Sicherheit geht immer vor. Straßen, viele Hunde, zu viel Trubel sind für Welpen kein geeigneter Lernraum. Ein ruhiger Platz, ein Parkrand, ein Hof, ein überschaubares Stück Natur reichen völlig aus.

Je weniger Weg wir machen, desto mehr lernt der Welpe. Je langsamer wir sind, desto nachhaltiger sind die Erfahrungen. Viele der Probleme, die später auf Spaziergängen auftreten – Ziehen, Überdrehen, Reaktivität – entstehen nicht, weil Hunde zu wenig gelaufen sind, sondern weil sie zu früh überfordert wurden.

Spaziergänge kommen später von selbst. Dann, wenn der Hund körperlich bereit ist und gelernt hat, seine Umwelt wahrzunehmen, sich zu regulieren und Eindrücke zu verarbeiten. In der Welpenzeit ist Stillstand oft der bessere Weg.

Welpe macht Nasenarbeit
Schnüffelspiele fördern die Kreativität und das Selbstbewusstsein.

Spielend die Sinne fördern - Nasenarbeit für Welpen

Auch wenn Welpen in den ersten Lebensmonaten keine klassischen Trainingsaufgaben benötigen, bedeutet das nicht, dass wir sie gar nicht fördern können. Im Gegenteil: junge Hunde profitieren sehr von Aktivitäten, die an ihre Entwicklungsstufe angepasst sind und ihre Fähigkeiten sanft stärken.

Schnüffelspiele, Enriched Environment oder einfache Suchspiele bieten genau diese Möglichkeit. Es handelt sich um low impact Aktivitäten, die Bewegungsapparat und Nervensystem nicht überfordern, gleichzeitig aber die Wahrnehmung, Konzentration und Problemlösungsfähigkeiten fördern.

Beispiele sind:

  • Futtersuchspiele im Gras, die Welpen selbstständig lösen können

  • Leicht aufgebaute Hindernisse aus Stangen oder kleinen Gegenständen, über die sie vorsichtig klettern oder springen

  • Kurze Fährten oder Spuren, die sie verfolgen

  • Teddy- oder Spielzeugsuchen, bei denen der Welpe entscheiden kann, wann und wie er sucht

Der zentrale Unterschied zu „Training“ liegt darin, dass der Welpe selbst entscheiden darf, ob er mitmacht und wie lange er sich engagiert. Es gibt kein „Muss“, keinen Druck, keine Bewertung. Genau diese Freiwilligkeit macht die Aktivitäten effektiv und entwicklungsfördernd.

Durch solche gezielten, aber ruhigen Spiele lernen Welpen, ihre Nase und ihre Sinne bewusst einzusetzen, ihre Umgebung wahrzunehmen und Probleme zu lösen – alles auf eine Art, die körperlich und psychisch gut verträglich ist. Gleichzeitig stärken sie die Bindung zu ihren Menschen auf eine natürliche, stressfreie Weise.

Später, wenn die Hunde älter werden, kann man die Spiele erweitern, z.B. die Fährten etwas länger oder komplexer gestalten. Aber die Prinzipien bleiben gleich: Fördern ohne Überfordern, Entdecken lassen statt Kommandos geben.


Es mag zunächst ungewöhnlich erscheinen, weniger zu tun und mehr zu beobachten. Doch genau das schenkt Welpen und Junghunden die Möglichkeit, ihre Welt in Ruhe zu entdecken, ihre Sinne bewusst einzusetzen und Selbstvertrauen aufzubauen. Weniger Training bedeutet nicht, untätig zu sein – es bedeutet, präsent zu sein, Sicherheit zu geben, Spaziergänge bewusst zu entschleunigen und kleine, an die Entwicklung angepasste Spiele wie Futtersuche oder kurze Fährten anzubieten. Wer den natürlichen Entdeckungsdrang seines Hundes respektiert, fördert auf leise und nachhaltige Weise die Fähigkeiten, die wirklich zählen: Orientierung, soziale Kompetenz, Selbstregulation und Bindung. Mit Geduld, Ruhe und Vertrauen legen wir so das Fundament für gesunde, selbstbewusste Hunde – und für eine Beziehung, die von gegenseitigem Verstehen getragen wird

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