Sozialverhalten in der Junghundezeit: Warum dein junger Hund jetzt mehr Orientierung braucht als je zuvor
- Sarina Kriechbaum
- 9. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Die ersten Monate mit einem Hund sind eine spannende, berührende und manchmal auch überraschend herausfordernde Zeit. Viele Welpenhalter:innen erleben nach dem Ende der Welpenphase plötzlich einen deutlichen Wandel. Der ehemals zuckersüße, anhängliche Minihund wirkt frecher, unabhängiger, reizbarer oder frustrierter. Manches funktioniert nicht mehr so wie früher – oder nur noch an manchen Tagen.
Kurz gesagt: Die Pubertät zieht ein. Und mit ihr beginnt eines der wichtigsten Kapitel im Leben eines Hundes: die Zeit des sozialen Erwachsenwerdens.
In diesem Artikel erfährst du:
warum Sozialverhalten in der Junghundezeit oft „wackelig“ wirkt,
welche Entwicklungen im Hundekörper und Hundehirn dafür verantwortlich sind,
welche häufigen Missverständnisse Junghundebesitzer:innen frustrieren,
warum dein Hund jetzt mehr Orientierung braucht – und weniger „Kontakte um jeden Preis“,
und wie du deinem Junghund in dieser entscheidenden Phase Halt, Sicherheit und soziale Kompetenz vermitteln kannst.

Warum sich das Sozialverhalten deines Hundes in der Pubertät plötzlich verändert
Viele Hundebesitzer:innen berichten, dass ihr Hund zwischen dem 5. und 18. Monat „wie ausgewechselt“ wirkt.
Vielleicht hast du so etwas schon bemerkt:
Dein Hund wird plötzlich unsicherer oder reagiert schneller ungehalten.
Andere Hunde werden spannender – oder bedrohlicher.
Begegnungen, die früher problemlos waren, wirken plötzlich anstrengend.
Dein Hund hängt an manchen Tagen extrem an dir, an anderen scheint er dich kaum zu kennen.
Er probiert aus: Grenzen, Freiheiten, Reaktionen.
Das ist kein schlechtes Training oder „schlechter Charakter“.
Es ist Biologie.
Das Gehirn arbeitet im Umbau-Modus
Während der Pubertät werden im Hundegehirn Millionen von Verknüpfungen neu sortiert. Bereiche, die für Impulskontrolle, Sozialverhalten und Entscheidungen wichtig sind, arbeiten noch unreifer, gleichzeitig schießen emotionale Reaktionen in die Höhe.
Das bedeutet:
Emotionen ≠ stabil
Impulskontrolle ≠ zuverlässig
Sozialverhalten ≠ voraussagbar
Kurz: Dein Hund kann oft noch nicht, wie er gern würde.
Soziale Reife dauert länger, als viele glauben
Viele denken: „Nach dem Welpenkurs passt das schon – er ist ja jetzt sozialisiert.“
Aber: Sozialisation ≠ Sozialkompetenz.
Sozialisation bedeutet: Der Hund kennt unterschiedliche Reize und Situationen.
Sozialkompetenz bedeutet:
Körpersprache lesen können,
höfliche Kommunikation anwenden,
Situationen einschätzen können,
eigene Bedürfnisse regulieren,
Konflikte ohne Eskalation lösen,
Nähe und Distanz respektieren,
Frust aushalten,
Orientierung an Bezugspersonen finden.
Diese Fähigkeiten entstehen nicht automatisch, sondern durch:
wiederholte, positive und kontrollierte Erfahrungen,
stabile Beziehungen,
liebevolle Begleitung,
passende Herausforderungen,
und vor allem: Zeit.
Ein Hund ist erst mit ca. 2–3 Jahren sozial erwachsen.
Was du also in der Junghundezeit tust, wirkt tief in die Zukunft.

Häufige Missverständnisse über Sozialverhalten in der Junghundephase
Viele Probleme entstehen nicht durch „falsche Hunde“, sondern durch falsche Erwartungen.
Hier drei Mythen, denen wir oft begegnen:
Mythos 1: „Er muss so viele Hunde wie möglich treffen.“
Das Gegenteil ist der Fall.
Was ein Junghund braucht:
wenige, aber passende Sozialkontakte
Hunde, die sozial kompetent sind
ruhige, freundliche Begegnungen
ein Lernumfeld, das Überforderung vermeidet
Was ein Junghund nicht braucht:
wildes Durcheinander im Hundepark
ungefilterte Begegnungen an der Leine
aufgeregtes Spiel oder lange Spaziergänge ohne Pausen
Hunde, die ihn überrollen oder einschüchtern
Je emotionaler ein Hund ist, desto mehr Struktur benötigt er.
Mythos 2: „Er weiß genau, was er tut – er ignoriert mich extra.“
Nein. Ein Junghund befindet sich in einer Phase, die neurologisch einem „Umbau unter laufendem Betrieb“ ähnelt.
Oft sieht es nach Absicht aus, aber tatsächlich ist es:
Reizüberflutung
hormonelle Achterbahn
mangelnde Frusttoleranz
fehlende Vorerfahrung in neuen Situationen
Ein Hund, der „nicht hört“, ist fast immer ein Hund, der gerade nicht kann.
Mythos 3: „Das muss er aushalten, er ist ja jetzt kein Baby mehr.“
Falsch gedacht. Junghunde sind körperlich größer – aber emotional nicht reifer.
Stell dir einen menschlichen Teenager vor: Er wirkt erwachsen, aber innerlich passiert Chaos.
Junghunde brauchen:
Geduld,
Schutz,
klare Kommunikation,
Verständnis,
Verlässlichkeit.

Sozialverhalten lernen – Schritt für Schritt statt Sprung ins kalte Wasser
Damit dein Hund sich sozial stabil entwickeln kann, braucht er keine 100 Kontakte. Er braucht Qualität statt Quantität.
Hier die wichtigsten Bausteine:
1. Orientierung statt Überforderung
Junghunde fühlen sich sicher, wenn du Situationen für sie „überschaubar“ machst:
Distanz vergrößern, wenn es zu eng wird
Leinenbegegnungen strukturiert gestalten
nicht jeden Hund begrüßen lassen
Konflikte nicht passiv laufen lassen
Pausen ermöglichen
Ein Hund, der sich sicher fühlt, kann freundlich kommunizieren.
2. Freundliche, sozial kompetente Hunde als Vorbilder
Ein einziger souveräner Hund lehrt mehr als zehn wilde Spielkontakte.
Beobachte:
Wie kommuniziert der andere Hund?
Gibt es höfliche Signale?
Gibt es Pausen?
Entsteht Druck?
Ein guter Sozialkontakt wirkt ruhig, fließend, entspannt. Nicht ausgelassen-chaotisch.

3. Körpersprache beobachten – und früh unterstützen
Viele schwierige Situationen entstehen, weil wir zu spät erkennen, dass ein Hund Hilfe braucht.
Achte auf:
Fixieren
Steifwerden
Wegdrehen
Übersprungshandlungen
plötzliches Schnüffeln
Spannung in der Leine
hoher Stresspegel nach Begegnungen
Wenn du früh eingreifst, lernt dein Hund: „Ich muss Probleme nicht alleine regeln.“
4. Selbstwirksamkeit ermöglichen
Selbstwirksamkeit heißt: Der Hund erlebt, dass sein Verhalten Wirkung zeigt.
Das stärkt:
Selbstvertrauen
innere Ruhe
Frustrationstoleranz
Sozialverhalten
Beispiele:
Futter suchen lassen
Aufgaben geben (Nasenarbeit!)
kleine Entscheidungen ermöglichen (Weg wählen, Tempo bestimmen)
Alternativverhalten stärken
Selbstwirksame Hunde kommunizieren fairer und reagieren seltener impulsiv.
5. Sicherheit ist die Basis für soziale Kompetenz
Unsichere Hunde wirken oft:
reaktiv
distanzlos
übermütig
ängstlich
aufdringlich
Wenn ein Hund sich sicher fühlt, zeigt er:
entspannte Körpersprache
Rücksicht
klare Signale
kontrollierte Kommunikation
Deshalb ist Sicherheit kein Bonus – sie ist der wichtigste Baustein des Sozialverhaltens.
Die Junghundezeit ist keine Phase, die man „irgendwie übersteht“ – sie prägt das ganze Hundeleben
Soziale Stabilität entsteht nicht zufällig. Sie entsteht durch:
Wiederholung
Erfahrung
Anleitung
Beziehung
Bindung
gute Gruppen
passende Trainingsimpulse
geschützte Lernumgebungen
Viele Halter:innen sind überrascht, wie sehr ihr Hund im Junghundealter noch einmal Unterstützung braucht.
Und genau dafür gibt es unsere Junghundegruppen.
Nicht, weil Junghunde „schwierig“ sind, sondern weil sie so unfassbar viel lernen und weil wir möchten, dass sie diese Phase sicher, stabil und selbstbewusst durchlaufen.
Warum der Junghundekurs eine so wertvolle Ergänzung zum Welpenkurs ist
Im Welpenkurs legen wir das Fundament. Im Junghundekurs beginnen wir mit dem eigentlichen Hausbau.
Hier geht es nicht darum, „Kommandos zu üben“, sondern:
emotionale Stabilität zu fördern,
Sozialverhalten zu begleiten,
Körpersprache zu lesen,
Impulskontrolle achtsam aufzubauen,
Orientierung zu stärken,
Selbstwirksamkeit zu fördern,
Frust tolerierbar zu machen,
Sicherheit zu geben,
passende Sozialkontakte zu ermöglichen,
und den Hund gut durch die turbulente Pubertät zu navigieren.
Unser Ziel ist: Ein junger Hund, der ruhig, freundlich und sozial kompetent erwachsen und glücklich wird.
Wie wir dich und deinen Hund in der Junghundezeit begleiten
In unserer Hundeschule Pfotenspitzengefühl arbeiten wir:
in kleinen Gruppen,
ohne Überforderung,
bedürfnisorientiert,
mit Fokus auf Beziehung statt Kontrolle,
mit echter Alltagsrelevanz.
Unsere Junghundestunden beinhalten:
geführte Sozialkontakte
Beobachten und Besprechen von Körpersprache
Umgang mit Begegnungen
Spiele zur Frustrationstoleranz
Nasenarbeit zur Stressregulation
alltagsnahe Orientierung
Übungen für Selbstwirksamkeit
individuelle Begleitung für jedes Hund-Mensch-Team
Wir geben dir Werkzeuge an die Hand, mit denen du deinen Hund sicher durch diese Entwicklungsphase führen kannst – liebevoll, kompetent und mit einem tiefen Verständnis für seine Bedürfnisse.
Ein letzter Gedanke
Vielleicht fühlst du dich manchmal unsicher oder überfordert. Vielleicht fragst du dich, ob dein Hund „normal“ ist. Vielleicht zweifelst du, ob du alles richtig machst.
Bitte sei beruhigt: All das gehört dazu.
Junghundezeit ist wie Wellenreiten: Manchmal surft man souverän, manchmal fällt man ins Wasser. Entscheidend ist, dass man mit einem guten Board unterwegs ist – und mit Menschen, die zeigen, wie man wieder aufsteht.
Wir begleiten euch sehr gern dabei.







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